I miss u so much +06.04.2013

Deine letzten 50 Tage vor 365 Tagen

Jetzt ist sind sie also angebrochen… Vor einem einem Jahr war es so, doch gewusst haben weder du, noch ich es. – Es ist der letzte Monat, den wir zusammen verbringen, der letzte Monat, den du zuhause erlebst, der vorletzte, den du noch lebst, deine letzten 50 Tage bei uns.

I miss u so much +06.04.2013
I miss u so much +06.04.2013

Ich kann mich an diese Tage kaum noch erinnern.
Liegt es daran, dass, wohl selbst du nicht, geahnt hast, dass du uns bald verlassen musst und sah ich Zeit einfach als zu selbstverständlich mit dir? Oder liegt dieser Schleier daran, dass ich noch immer nicht fassen kann, glauben kann, dass du nicht mehr bei uns bist?

Wie oft bin ich morgens schon aufgewacht und wünschte mir:
Ich steige jetzt in den Zug und fahre zu dir.
Wir verbringen den Tag.
Wir essen zusammen.
Erzählen uns alles, was in den letzten Tagen passierte.
Ich erzähle dir mit leuchtenden Augen, was gerade in meinem Studium geschieht.
Erzähle dir, wie diese Großstadt mein Leben verändert.

Und ich höre dir zu, wie du mir erzählst, wie sich dein Leben hier veränderte als du noch jung warst. Wie du erzählst, du wärest jetzt auch lieber hier und wirst irgendwann wieder in diese Stadt ziehen, wenn ich mein Studium beendet habe und alles seinen Lauf gehe. Vielleicht würde ich dir dann sagen, du könntest es jetzt doch machen, denn ich gehe hier meinen Weg.

Ich stelle mir vor, wie ich du deine Witze, die du mit leuchtenden Augen und viel Schmuck drumherum, erzählst.
Schmunzle mit dir und vielleicht verdrehe ich auch mal die Augen, weil ich denke, der Witz war jetzt aber von sehr dunklem Humor.

Doch dann wird mir klar, vor einem Jahr brachen heute deine letzten 50 lebende Tage an. Ich vermisse all das so sehr.

Deine letzten 50 Tage

Mir wird dann klar, in weniger als einem Monat werde ich am 13. März 2013 um kurz nach 0 Uhr den Notarzt rufen müssen, weil du kaum noch atmen kannst.

Mir wird klar, wie ich die Rettungswagenbesatzung ins Haus lasse.
Wie dir der Rettungsassistent die ersten Zugänge legt. Dir einen „Vernebler“ an die Nase legt, damit du besser atmen kannst.
Wie ich mit dem Notarzt, der nur wenig später erscheint, professionell, völlig unaufgeregt und funktionierend deine Anamnese bespreche, weil du kaum noch sprechen kannst.

Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie du auf die Trage gelegt wirst.
Wie du im Rettungswagen noch versorgt wirst.

Höre deine und meine Worte, wie wir uns versuchen im Wagen zu unterhalten. Halte noch einmal deine Hand und sage zu dir: „Bald bist du wieder bei uns. Alles wird wieder gut.“ – Und ich habe daran geglaubt, dass alles wieder gut wird, auch wenn ich, als ich den RTW verlassen hatte und er mir dir den Hof verlies, heulend auf dem Parkplatz stand und die Angst meines Lebens um dich hatte.

Ich erlebe dann noch einmal die Tage zwischen diesen Minuten in der Nacht vom 13. März 2013, wie ich die Tage ohne dich verbrachte, wie du im Krankenhaus lagst.

Sehe vor meinem Auge, wie ich das erste Mal die Intensivstation betrete und weil niemand wusste, an was du leidest, man dich isolierte und man nur durch „Schleuse“ mit Kittel, Mundschutz, Haarhaube und Handschuhen den Raum betreten durfte.

Als die Patientenverfügung das erste Mal fast greifen musste und ich für dich zustimmen sollte, damit man dir einen PEG legen könne, weil du nicht mehr schlucken konntest. Du aber dann doch selbst diesem zustimmtest.

Ich erlebe noch einmal, wie wir den PEG am Tag nach der OP lösten.
Wie der Professur, der wohl auch durch dich und dass du mit Stolz auf der Station von mir erzähltest, mich fragte, ob ich nicht dabei sein möchte und jeden Schritt für mich – dem Medizin-Studenten – erklärte.
Ich glaube, wir waren uns in diesen Minuten so extrem nah.

Als ob du schon ahntest, dass du uns bald verlassen wirst, hast du mich an meinem Geburtstag gefragt, ob wirklich alles geregelt sei. Du fragtest nach, ob es jemanden gebe, der sich um mich und David kümmere.
Ich wollte dir keine Sorgen machen, dachte so, gesundest du schneller und sagte, es gebe ganz bestimmt jemanden. Vielleicht hätte ich es nicht tun sollen. Vielleicht hättest du dann mehr Kraft zum Kämpfen um das Leben gehabt.

Dann werden die Tage dazwischen wieder wie ein Nebel…

Ich erinnere mich noch, wie mich eine behandelnde Ärztin anrief und fragte, welcher REHA-Ort für dich ausgesucht werden sollte.
Es war der Ort, an dem ich dachte, er sei, weil er uns so nah war, der Ort, den du ausgewählt hättest. Du hast immer diese Orte gewählt. – Auch das war wohl ein Fehler! Noch ein verdammter Fehler von mir!

Der nächste Moment, der heute in 50 Tagen vor einem Jahr war, ist der, dass ich die REHA-Klinik betrete, an der Rezeption frage, in welchem Zimmer du wohl liegen würdest.
Ich sehe die Angestellte dort deinen Namen und dein Geburtsdatum in den Computer eingeben.

Sie sagt mir, sie könne dich dort nicht finden und fragt, ob du nicht verlegt worden sein könntest. Ich sage ihr, dass ich davon nichts wisse.
Sie bittet mich, dass ich doch einmal direkt auf die Station gehen solle und dort nachfragen.

Es waren sicher nur wenige Meter, die ich gehen muss. Aber durch die vielen Verwinkelungen, die Gänge, kommt mir in diesem Moment jeder Schritt wie Minuten vor. Ich ahne, es ist etwas passiert. Versuche schneller zu gehen. Doch es bleibt eine unendliche Zeit…

Dann kommt mir die junge Schwester entgegen, die ich nach dir frage und dann…

Wie oft bin ich morgens schon aufgewacht und wünschte mir:
Ich steige jetzt in den Zug und fahre zu dir.
Wir verbringen den Tag.
Wir essen zusammen.…

Du lebst nicht mehr…

Doch dann wird mir bewusst, ich mache mein Urlaubssemester, kann dir nicht von der Uni erzählen. Dann wird mir bewusst, heute in einem Jahr und 50 Tagen wirst du für immer von uns gegangen sein.

Heute vor einem Jahr, es sind deine letzten 50 Tage im Reich der Lebenden.

Daddy, ich vermisse dich so sehr. Ich möchte so vieles rückgängig und anders machen, aber Daddy, verzeih mir, ich kann das nicht!
Ich kann die Zeit nicht zurück drehen. Ich kann nicht!

Wärst du als Person bei mir, du wüsstest mich aus meiner Starre zu holen. Du wüsstest, wie ich all diese Schuldgefühle los werden könnte. Du hättest Lösungen.

Aber ich weiß, auf eine ganz besondere Art und Weise bist du immer bei mir und an den Wochenenden sehen wir uns auf eine noch viel speziellere Art und Weise. Vielleicht versuchst du mich gerade so aus der Starre zu befreien.

An den Wochenenden erscheinst du Nachts in meinen Träumen und wir verbringen dort den Tag. Wir essen zusammen. Erzählen uns alles…

In Liebe

Dein

Autogramm von HoernRockz