Traueranzeige Phillip– Den ich am Meisten in meinem Leben geliebt habe
So langsam habe ich das Gefühl, es wird zu einer traurigen Tradition, dass meine Artikel auf NYC-Hennes-Welt ein Nachruf auf verstorbene Freunde und Verwandte sind.
Dieser Nachruf fällt mir am schwersten, weil es den Menschen betrifft, den ich so sehr geliebt habe und für den ich mein Leben gegeben hätte.
Die mich kennen, wissen, dass ich meinen Bruder Phillip meine.

Ich habe diese Zeilen direkt an Phillip gerichtet und habe sie so ähnlich auch auf seiner Beerdigung gesprochen.

(Aus dem Englischen übersetzt)

Am 01. Juli 2008 um 0.52 Uhr mit gerade neunzehn Jahren musste ich dich, meinen Bruder in eine Welt gehen lassen, in die ich noch nicht darf.

In dieser Dienstagnacht kurz vor ein Uhr hast du beschlossen, nicht mehr leben zu wollen.

Wir zwei waren immer unzertrennlich.
Alle, die uns kannten, sagten, wir seien wie Zwillinge oder Klone, so ähnlich sahen wir uns und so ähnlich waren wir uns.
Als wir klein waren und wir noch fast die gleiche Frisur trugen, konnten uns viele nicht unterscheiden.
Am Telefon war es dann ganz aus, da klangen wir so gleich, dass man nie wusste, wer von uns den Hörer abnahm.

Aber lass mich am Anfang beginnen.

Am 14. Mai 1989 bist du, wie auch ich später, in New York, NY in einer Privatklinik geboren worden, von einer Frau, die nicht unsere Mutter war, aber uns doch so nahe stand.
Paps soll schon bei dir furchtbar aufgeregt gewesen sein, schließlich warst du sein erster Sohn, der geboren werden sollte und unsere Mom erst.
Sie war während der Schwangerschaft jeden Tag bei der Frau, die uns geboren hat.
So wenig Mom uns manchmal ihre Gefühle anvertrauen kann, so sehr hat sie sich über dich gefreut.

Gleich nach deiner Geburt bist du dann zu Mom und Dad in unser Apartment in New York gezogen.
Dad hat mir erzählt, wie viel Mühe sie sich gegeben haben, dein Zimmer vor deiner Geburt einzurichten. Als sie mit dir das Zimmer betraten, sollst du gelächelt haben. Es muss dir also gefallen haben.
Du warst das erste Mal zuhause.

Auf den Bildern, die wir uns einmal angesehen haben, war das so ein richtig verspieltes Zimmer. – Wenn wir unsere Eltern heute sehen, können manchmal gar nicht glauben, dass alles auch anders sein kann.

Fast ein Jahr warst du alleine in diesem Zimmer.
Hätte ich es nicht so eilig gehabt zu dir zu kommen, wäre es auch rund ein Jahr gewesen, bis ich bei dir gewesen wäre.

Die Frau, die uns geboren hat, war selbst ganz überrascht.
Weil Mommy und Daddy nicht so früh mit mir gerechnet haben und der Umzug nach Deutschland geplant war, ist mein Zimmer zu der Zeit noch nicht eingerichtet gewesen. Nachdem ich aus der Klinik kam, bin ich dann mit in dein Zimmer gekommen.
Als du mich das erste Mal gesehen hast, sollst du wieder gestrahlt haben.
Du sollst wie in einem Reflex deinen Arm zu mir gelegt haben.

Ab diesem Tag waren wir eigentlich unzertrennlich.
Wenn uns einer im Babyalter trennte, fingen wir beide an zu weinen und später erst recht.

Die Leute fanden das natürlich sehr süß, dass Babies so aneinander hängen konnten, aber für uns war es bestimmt Stress pur, wenn man uns trennte.

So wurden wir älter und lebten in Deutschland.
Paps hatte in Deutschland einen lukrativen Klinikjob als Arzt bekommen. – Wie oft wir doch später den Tag auf der einen Seiten verfluchten, dass wir hier herzogen und auf der anderen Seite genossen.
Wer weiß, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn wir zuhause in den USA geblieben wären?

Es war nicht das Land, was uns so erzürnte, sondern viel mehr, wie sich unsere Familie und unser Leben änderte.

Paps, der sich in Deutschland anfangs nicht zuhause fühlen konnte, dazu den extremen Stress in der Klinik hatte und Mom, sie hier in ein Leben verfallen ist, das sie in den USA nicht lebte, wurden zu Menschen, wie wir sie manchmal nicht verstehen konnten und sogar hassten.
Ich vielleicht mehr, als du es konntest. Du warst zu gut.
Ich glaube, du hast nie einen Menschen in deinem Leben gehasst, das konntest du nicht.

In Deutschland wurde unser Verbundenheit nur noch tiefer und wir wuchsen noch mehr aneinander.

Wenn diese, für uns zwei, schrecklichen Dinge in unserem Haus geschahen, habe ich versucht, dass du davon nichts mitbekommst. – Der Kleine hat den Großen beschützt, aber der Große auch den Kleinen, so war es immer.
Ich habe immer gedacht, du hast es nicht so mitbekommen, heute weiß ich es besser.
Du wolltest nicht, dass ich mich schlecht fühle, so wie ich es bei dir nicht wollte.
Aber gemeinsam überstanden wir alles.

Es gab auch schönes – es gab viel Schönes.
Die schönsten Momente in unserem Leben haben wir genauso intensiv gelebt und geliebt.

Erinnerst du dich noch, als wir bei Berchtesgaden wohnten und was wir da alles erlebt haben?

Zum Beispiel als du 10 Jahre alt warst, überredete ich dich, dass wir uns den, ich glaube, es war der „Jenner“ vor nehmen und das Gebiet erkunden sollten.
Ohne wirklich klettern zu können und nur aus Wanderungen mit Ma und Pa das Gebiet kennend, trauten wir uns in die Felswand.
Wir nahmen unsere Räder, erzählten der Nanny, wir würden nur rüber zu Freunden und begaben uns wagemutig und eigentlich völlig unnötig riskant in die Felsen.

An einer kleinen Straße stellten wir unsere Räder ab und am Fuß des Berges begannen wir unsere Entdeckungstour, teilweise konnten wir uns nur mit unseren kleinen Händen in dem Stein halten, es war kein Baum, oder ähnlich zum Greifen da.
Seile oder gar Haken hatten wir sowieso nicht.
Wenn dann wieder ein Baum, oder ein Vorsprung kam, an dem wir uns halten konnten, zog der eine den anderen hoch.
So stiegen wir immer weiter auf, bis wir wieder an einem Weg ankamen.
Dort hörten wir nicht auf, allerdings war dort kein „kahler“ Fels mehr und wir stiegen durch das Gebüsch, Gräser und Felsgestein nach oben.

Irgendwann kamen wir dann eine Stelle, an der es nicht weiter ging und beschlossen wieder abzusteigen.
Dabei haben wir uns einwenig verlaufen, standen vor Abgründen und haben dabei in der Wildnis gelernt, Amerikaner und Japaner trifft man überall.
Zu erst trafen wir Amerikaner, die wir dann fragten, wo es nach unten zu dem Weg gehe.
Sie gaben uns einen ungefähren Weg, aber waren sich auch nicht sicher.
Sie fragten uns, ob sie uns nicht mitnehmen sollten, aber so mutig, wie wir waren lehnten wir ab.
Nach einer ganzen Zeit, wir irrten immer noch herum, kamen uns eine Gruppe Japaner in diesem Gebiet entgegen, in dem man an sich nicht wandern sollte.
Auch sie fragten wir und sie gaben uns in gebrochenem Englisch und Karten, die sie dabei hatten, den richtigen Weg nach unten, dabei überließen sie uns einer ihrer Karten.

Als wir an dem Weg zu dem „nackten“ Felsen ankamen und wir an dieser Holzplanke standen, fragten wir uns, ob wir den langen Weg der Straße nach unten zu unseren Rädern nehmen sollten, oder lieber den steilen Weg über das Gestein, den wir schon hoch sind, zurück sollten. Wir entschieden uns, weil es uns kürzer erschien, den Weg über den „kahlen“ Felsen zu nehmen.

Anfangs waren da noch ein paar Bäume, an denen wir uns nach unten hangelten und uns gegenseitig beschützten, uns hielten. Dann kam das Gebiet, an dem nichts mehr war und es ging nur nach unten.
Teilweise setzten wir uns auf den Po, um langsam runter rutschen zu können, an anderen Stellen, wäre selbst das zu gefährlich gewesen und wir klammerten uns in den Fels.

Nach gefühlten Stunden, kamen wir unten bei unseren Rädern an. Wir guckten den Berg hinauf und waren so stolz, dass wir es geschafft haben.
Voller Freude und Stolz fuhren mit den Fahrrädern nachhause.
Da wir aber wussten, dass es Dad und Mom nicht gefallen würde, was wir getan haben, beschlossen wir, ihnen nichts zu sagen.
Ich glaube, hätten sie es an dem Tag gewusst, was wir getan haben, sie wären sofort mit uns in den Norden gezogen in ein Gebiet, in dem es keine Berge gibt. – Aber das hätte auch nichts genützt.

Ein paar Jahre später, es waren, glaube ich, drei Jahre später, beschlossen wir wieder eine ganz besondere Tour zu unternehmen.
Wir wohnten mittlerweile in Schleswig-Holstein bei Bad Segeberg.

Dieses Mal nahmen wir nicht nur unsere Fahrräder mit, sondern auch heimlich ein Schlauchkanuboot, das wir eigentlich hatten, wenn wir mit unseren Eltern weg waren und die auf uns aufpassen konnten.

Wir fuhren damit zum Schierensee bei Wankendorf, da wir zum einen wussten, dass unser See vor der Tür vom Fischer bewacht würde und der keine Boote auf seinem See duldete und Mami oder Paps es hätte sehen können, was Ärger bedeutet hätte.

Wir pumpten das grüne Schlauchkanuboot mit einer Fußpumpe auf und ließen es zu Wasser. Schon beim Einsteigen bemerkten wir, dass der See tiefer ist, als wir erwartet haben. Schon, wenn man vorne saß, konnte man mit dem Paddel den Grund nicht mehr erreichen.
Wir diskutierten aus diesem Grund aus, wer vorne sitzen sollte. Was ja eigentlich völlig egal gewesen wäre, denn der See war später auf dem Wasser überall tief. Egal, ob man hinten saß, oder vorne.
Nachdem geklärt war, dass ich vorne sitze, paddelten wir los.

Wir sind quer über den See gepaddelt und haben die Gefahren, dass wir umkippen hätten können, dass niemand wusste, wo wir sind oder dass wir hier hätten ertrinken können, ausgeblendet.
Wir fühlten uns, wie die großen Expeditionswissenschaftler auf einer großen Fahrt.
Auf dem Wasser „nahmen“ wir „Proben“ in unseren leeren Trinkflaschen. Paddelten ans Ufer, um zu landen, um dann zu bemerken, dass es zu sumpfig war, um dort auszusteigen.

Wir simulierten die „großen“ Wellen und schaukelten in dem Schlauchboot. Es war ein Wunder, dass wir nicht umkippten.

Wie immer war wohl unser guter Schutzengel dabei.
Manchmal ließen wir uns auch einfach nur von der Strömung treiben.

Irgendwann nach Stunden sind wir dann wieder an Land zu den Rädern. Wir ließen die Luft aus dem Schlauchboot und verpackten es auf dem einen Gepäckträger.
Der andere nahm die Paddel.

Als wir zuhause ankamen, wartete schon Dad mit der Polizei auf uns. Er hatte diese alarmiert, weil er bemerkte, dass das Boot weg war und sich dachte, dass wir auf einen See wollten. Er dachte nur nicht, dass wir uns den Schierensee vorgenommen hatten.

Traueranzeige PhillipDaddy vermutete uns an einem kleinen Tümpel in der Nähe unseres Hauses, weil wir dort oft zu finden waren.
An dem Tümpel haben wir einen Teil unserer Kindheit verbracht, weil uns dort niemand störte und wir mit Freunden alleine sein konnten.

Da er uns dort nicht fand, alarmierte er die Polizei und Rettungskräfte.
Sie wollte bei unserem Nachhause kommen, wohl gerade ausrücken und den Einsatz koordinieren.

Da sie uns fragten, wo wir waren, mussten wir ihnen sagen, was wir getan haben.
Dad flippte fast aus und schimpfte; Mom war nicht viel ruhiger; nur der Polizist beruhigte sie und dann auch uns.
Wir zitterten vor Angst, weil Dad so sauer war.
Dad hat uns später erklärt, als er sich wieder beruhigt hatte, dass er es nicht so meinte und einfach nur Angst um uns hatte.
Der See auf dem wir waren, soll sehr tückisch sein, erklärten Mama und Papa uns.

Damit das nicht wieder geschehen konnte, wurde das Boot noch am gleichen Tag von Papi vernichtet.

Wir haben noch viele solcher Abenteuer erlebt und ausgestanden. Okay, die meisten gingen von mir aus und wir brachten uns immer wieder in nicht überblickbare Gefahren, aber wir konnten auf uns vertrauen und so kamen wir über alle Hindernisse und hielten zusammen.

Dann kam im August 2004 der Tag, den ich heute am liebsten ungeschehen machen möchte. Ich glaube, könnte ich das, du würdest noch leben.
Durch Schnüffeln in Unterlagen, denn so war es wirklich, erfuhr ich, dass wir nicht die leiblichen Kinder von Dad und Mom waren, sondern sie uns – für mich – gekauft haben, wie kleine Hunde.
Sie haben uns aber zumindest die gleiche Mutter und den gleichen Vater zugestanden.
Für mich brach die Welt zusammen, doch du bliebst ruhig und wolltest mich beruhigen, dass ich nie zur Ruhe kommen würde, konnte man nicht ahnen. – Wäre ich doch nur ruhig gewesen.

Ich schrie unsere Eltern an, wollte es wissen, was das sollte.
Seit diesem Tag war nichts mehr, so wie es war.

Ich verlor jeden Lebensmut und du hast um mich gekämpft, dass ich lebe.
Dabei musst du dich langsam verloren haben. – Warum? Warum habe ich das nicht verhindert, das frage ich mich heute.

Alles wurde mit jedem Tag schlimmer, ich machte immer mehr Probleme, meine Paniken, meine Zickereien mit Mutti und Papa, die Scheiße, die ich baute, gingen nicht an dir vorbei.
Doch du hast mich immer wieder aufgebaut.

Wie oft habe ich zu dieser Zeit beschlossen, mein Finale zu suchen, wie oft hast du mich aufgehalten.

Als unsere Eltern dann auch noch den Kontakt zu meiner große Liebe zerstörten, weil sie wieder in unserer Gemeinschaft so tief drin waren und nicht verstehen konnten, dass wir beide schwul seien sollten, beschlossen wir, das erste Mal gemeinsam zu sterben.
Aber ich konnte nicht zulassen, dass auch du stirbst. Du solltest Leben und glücklich werden. Ich wollte dann von oben bei dir sein. Aus diesem Grund gab ich kurz vor der Aktion Melly Bescheid, dass man dich rettet. Dass ich dabei auch gerettet werde, daran habe ich nicht gedacht.

Das war im März 2006, wenige Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag.

Es war eine Situation, die uns noch mehr zusammenbrachte, wenn man überhaupt noch dichter zusammen sein konnte.

Ich zickte aber immer weiter und weiter und hatte keinen Mut am Leben, doch du hast immer versucht, mir den zu geben.

Im gleichen Jahr lerntest du deine erste richtige Liebe kennen, dass noch eine größere kommen würde, wer hätte das geahnt.
Peter heißt er und ihr habt euch geliebt, doch konntet ihr nicht so zueinander kommen.
Dadurch entferntet ihr euch immer mehr.

Du verliebtest dich zu dieser Zeit neu, in einen Jungen, der mir, wie du sagtest, ähnlich sei.
Er hatte einen Freund und das tat dir so weh, aber es reichte dir schon, wenn du ihm schreiben konntest und du so in seiner Nähe warst.
Du hast vor ihm geschwiegen, dass du ihn liebst und warst ihm der beste Freund.
Aber auch er liebte dich und traute sich genauso wenig, wie du, es dir zu sagen.

Noch bevor ihr zusammen kommen konntet, bist du das erste Mal krank geworden.
Das war im Februar 2007. Die Ärzte diagnostizierten einen Tumor im Bauchraum.
Doch es schien, als könne man es mit einer OP, sowie passenden Therapie heilen und so war es anfangs auch.

Keiner hätte gedacht, dass ein neuer Tumor hätte wachsen können und dass dies nicht der Grund deines Todes sein würde.

Im Mai 2007 habe ich dann meinen nächsten Suizid versucht, weil ich nicht mehr mit dem Leben klar kam.
Doch du hast mich wieder so aufgebaut, dass wir mit Freunden auf der Kieler Woche nach einer Partynacht, die einfach nur geil war, an der Hörnspitze vorm „Multimediacampus“ unser „Spontankonzert“ gaben und mit der ersten Besetzung die Band „HörnRockZ“ gründeten.
Der Name kam uns, weil ich am Ende wohl so was sagte, wie: „die Hörn rocks“.

Wir träumten davon, was wir alles erreichen könnten und begannen den Traum aufzubauen, dass wir ihn jetzt ohne dich gehen müssen, ist unbegreiflich.
Genauso wenig, dass die Kieler Woche noch einmal so entscheidend sein würde.

Von diesem Tag an begann ich wieder mit dem Singen und Texten, was ich durch die Zeit zu vor aufgegeben hatte.
Du hast mich darin ermutigt.

Dann kam die Asien-Kreuzfahrt in dem Sommer.
Schon vor dem Abflug stellte Dad mich überall als seinen kleinen Rockstar vor, wohl auch um mein für diese Art der Fahrten „extremem“ Kleidungsstil, den Nietengürtel, den Kajal, die schwarzlackierten Fingernägel, die schwarzen, vor den Augen hängenden Haaren zu erklären.
Dad schien es sogar zu mögen, dass ich so aussah und mich gut fühlte.
Das gefiel vor allem dir, weil du uns beide glücklich sahst.

An Bord des Kreuzfahrers fragten wir den Offizier, was eher von uns spontan geschah, ob wir uns an das Klavier im Foyer setzen dürften und dazu etwas Musik machen. Weil wohl zu dieser Zeit wenig los war in diesem Bereich und wir lieb fragten, ließ er uns daran. Wir sollten es nur nicht übertreiben, nichts kaputt machen und niemanden stören.
Ich sang und du hast gespielt.

Das war so unheimlich schön, weil wir auch die ersten Fans hatten, denn es gab doch einige mehr Zuhörer als erwartet und es schien ihnen zugefallen, obwohl es Emocore-Texte waren und das Publikum eher älterer Generation. – Ich hoffe, sie sagten es nicht nur aus Höflichkeit.
Nebenbei hätte ich nicht gedacht, dass dieses Musikgenre auch mit Klavier klingen kann, aber das tat es.

So durften wir noch ein paar Mal daran, wenn wenig in diesem Bereich los war.

Du sagtest einmal, zu der Zeit hast du meine Augen so glänzen gesehen, wie lange nicht mehr.
Durch diese Aktion bekam ich wieder Lebensmut und es war die schönste Kreuzfahrt, die wir je mit Daddy und Mommy unternommen haben.
Wir beide waren so glücklich.

Nach der Kreuzfahrt kamen du und er euch immer Näher und irgendwann im September 2007 seid ihr dann endlich ein Paar geworden.

Ihr seid so glücklich gewesen und du hast jede Minute, die du konntest, mit ihm genossen.

Wann immer du konntest, bist du mit strahlenden Augen zu mir gekommen, oder zu deinen Freunden, hast von ihm geschwärmt und erzählt, wie toll er doch sei, aber welche Angst du um ihn hättest, dass ihm etwas passieren könne. Die restliche Zeit verbrachtest du irgendwie mit ihm.

Du bist Tokio Hotel Fan, durch dich bin ich es auch geworden, oder waren wir es gleichzeitig? Und immer, wenn du TH gehört hast, dachtest du dabei ganz fest an ihn.
Zu dieser Zeit habe ich deine blauen Augen so strahlen sehen, wie nie zu vor.

Dann kam der April 2008, etwas mehr als ein Jahr nach der Diagnose des ersten Tumors, war ein neuer gewachsen und bei der Nachuntersuchung festgestellt worden.

Du wolltest ihm keine Angst machen und hast es ihm verschwiegen, sogar die OP.
Hast gesagt, du müsstest dich so etwas zurückziehen, würdest aber bald wieder zu ihm kommen.

Doch auch dieses Mal gab es Hoffnung, du wurdest behandelt und operiert.
Vor uns hast du den Starken gezeigt und warst innerlich völlig zerrissen.
Du hattest Angst, nie mehr richtig gesund zu werden.

Zuhause bei uns häuften sich wieder Probleme über Probleme.
Schon seit dem letzten Jahr bekamst auch du deine Reibereien mit Dad und Mom.
Du hast mir mal leise verraten, dass du mich jetzt verstehen könntest, warum ich 2004 so ausgerastet sei.

Du hattest den Lebensmut verloren, doch hast es vor uns versteckt.

Dann kam die Kieler Woche 2008, das letzte Wochenende der Kieler Woche, sollte auch unser letztes Wochenende zusammen sein.

Du warst so unbeschwert, tatst alles, dass wir auf der Kieler Woche Spaß hatten, ob du schon wusstest, dass es die letzten Tage zusammen sind?

Als mich mal wieder einer für Bill hielt (ich meine ja noch immer, die müssen blind sein, denn ich sehe so bestimmt nicht aus), hast du mit uns gegrinst und gelacht. Wir haben zusammen unsere Scherze gemacht.
Über das vergangene Jahr gesprochen, wie alles mit „HörNRockZ“ anfing, wie du mit ihm zusammen gekommen bist, wie ich Tim fand und wie gut uns unser Freunde tun.
Du hast gesagt, wir sollten auf ihn aufpassen und Tim auf mich, damit uns nie etwas geschieht, dass du mich damit gemeint hast und dass dies ein Auftrag für uns sein sollte, wusste ich nicht.

Am Montag, den 30. Juni hast du dich dann am Nachmittag von uns und allen verabschiedet, du wolltest zu einem Freund und man solle nicht warten, du würdest bei ihm übernachten.

Warum habe ich nicht bemerkt, was du vorhast?
Warum, das frage ich mich immer…

Du hast dein Auto genommen und bist gefahren und gefahren, vielleicht wolltest du auch nur überlegen, du bist auf jeden Fall aus dem Bundesland heraus gefahren.
Irgendwann bei null Uhr herum, musst du dann beschlossen haben, deinen Willen zu sterben, in die Tat umzusetzen.
Du bist auf eine einsame Landstraße, hast dein Auto immer weiter beschleunigt und dann bist du mit Absicht von der Straße.

Es muss furchtbar gewesen sein, deine letzten Minuten, Stunden, du warst so alleine, so ohne mich, ohne deinen „Zwilling“, den du schon als Baby in den Arm genommen hast. Wir haben so viel gemeinsam durch gestanden, warum denn nicht auch das?

Ein anderer Autofahrer sah aus einer größeren Entfernung, wie deine Lichter von der Straße verschwanden.
Er eilte zur Unfallstelle – zu spät – du warst auf der Stelle tot, stellte man später fest.
Das war um 0,52 Uhr am Dienstag, den 01. Juli 2008.

Um kurz vor zwei oder vielleicht war es auch später Uhr morgens klingelte es an unserer Tür. Normalerweise höre ich nie die Hausklingel, schon gar nicht, wenn ich schlafe (du nanntest mich mal Murmel und ich nannte dich aus diesem Grund) und wir würden nie um die Zeit die Tür öffnen, doch Mom ging wohl zu Tür und wie durch einen Impuls rannte auch ich runter.
Tim wusste gar nicht, wie ihm geschah, als ich aus dem Bett nach unten rannte.
Zwei Polizisten und ein Seelsorger standen vor der Tür.
Sie baten darum, reinkommen zu dürfen.
Da wusste ich, was passiert war.

Ich habe Mutti nie so weinen sehen. Hast du uns schreien gehört? Hast du gesehen, wie wir zusammenbrachen?

Sie sagten uns, du hättest einen Unfall gehabt.
Zu der Zeit glaubten noch alle, es sei ein Unfall gewesen.

Unser Leben ist seitdem nicht mehr, wie es war.
Wir sind noch am gleichen Tag zu dir.
Ich konnte nicht verstehen, dass du tot sein solltest. Ich habe geglaubt, du lebst noch und gleich kommst du zu mir und sagst zu mir: „Die haben sich geirrt. Henne, ich lebe, ich lasse euch nie alleine.“ Doch das ist nie geschehen.

Man hat zu uns gesagt, wir sollten dich nicht mehr ansehen. Es sei nicht gut.
Doch ich konnte nicht anders, ich musste zu dir und bestand, dass wir dich sehen.
Ich hätte es sonst nie verstanden, dass du tot bist.

Ich sah dich da. Du sahst so, ich kann es nicht beschreiben.
Das konntest nicht du sein, habe ich versucht mir einzureden.
Du warst mein Leben und ich doch deines, oder?

Danach wollte ich zu deinem Auto, ich wollte es einfach sehen, um etwas zum Hassen zu finden, warum du sterben musstest.

Warum einfach du? WARUM?

 

Ich rieche Dich
Ich sehe Dich,
wie Du durch Dein Zimmer gehst.

Ich spüre Dich
Ich fühle Dich,
wie Du mich berührst.

Verlass mich nicht!
Bleib bei MIR!
Hör nicht auf die Stimmen,
die Dich in das Reich der Dunkelheit befehlen.

Du darfst nicht gehen!
Komm sofort zurück!
Bleib hier! Hörst Du nicht?
Wir brauchen uns doch.

Du hast immer gesagt,
Du würdest immer bei mir sein!
Ruf mich doch, dann folg ich Dir!

Ich werde Dich nie vergessen!
Warum hast Du mich nur alleine gelassen?
Wir brauchen uns doch!

* 14.05.1989
+ 01.07.2008

Am nächsten Tag fand ich dann deinen Abschiedbrief und ich wusste, es war kein Unfall.
Die haben mir dann den Brief einfach weggenommen.

Aber ich weiß, warum du es getan hast und aufpassen werde.
Ich verspreche dir, dass ich das machen werde.

Aber Phill, warum darf ich dir nicht folgen? Philli, warum hast du mich nicht mitgenommen. Wir wollten es doch zusammen machen, wenn wir es wieder einmal versuchen?

Phill, warum, du? Warum nicht ich?
Diese Frage geht mir immer wieder durch den Kopf.

Weißt du, wie schwer es jetzt ist, hier auf dieser verfluchten Erde zu sein ohne dich?
Wir waren immer zusammen, nie getrennt!
Warum denn jetzt?

Phillip, ich hoffe, da wo du jetzt bist, geht es dir besser und du wartest da auf mich, dass wir eines Tages alle wieder zusammen sind.

Ich habe einmal in einem vermeintlichen Abschiedsbrief geschrieben:
„Von dort, wo ich jetzt bin, passe ich auf dich auf.“ – Jetzt passt du auf uns auf.

Phillip, ich liebe dich für immer und werde unsere Kuschelstunden vermissen und wenn wir uns unsere Geheimnisse erzählt haben, unsere kleinen und großen Abenteuer, dein Lächeln, was mein Zimmer erstrahlt hat, deinen Charme, deine Art uns und mich zum Lachen zu bringen.
Deine Wärme fehlt mir so.

Ich gucke noch immer in zu deiner Tür und denke, jetzt musst du doch in dein Zimmer gehen und nachhause kommen, aber in diesem Augenblick weiß ich, dass du nie mehr erscheinen wirst, auch wenn ich dich spüre.

Bitte pass da oben auf dich auf, ja!
Und wenn dir einer was da tun will, dann melde dich. Ich komme dann und räume da auf.
Und wenn du mich, vermisst, dann ruf mich auch. Ich bin dann sofort bei dir und denk an das Gedicht, dass ich dir in dein Grab gelegt habe.
Du bist jetzt „Heilig“, wie im gleichnamigen Tokio Hotel Song.

  • Zuky

    Wie immer zieht es mich auf die seite und ich lese es mir immer wieder durch und fange jedes mal das weinen an und denke zurück an dem tag wo mich dennis damals angerufen hatte und es mir sagte! Für mich ist an dem tag irgendwie alles zusammen gebrochen! Ich denke mir regelmäßig das es einfach nicht war sein kann! Philli seine art war einzigartig und irgendwie vermisse ich es einfach!

    Kiss and greetz
    Zuky

    • Auweh, ja das ist alles sehr, sehr lang her.
      Aber auch ich habe es noch immer sehr real vor Augen.
      Einfach nur schlimm!
      Ich glaube aber fest daran das es Phil dort oben gut geht(: